Freitag, 31. Mai 2013

Das konservative Moment im Rock'n'Roll oder wie zwei Männer denselben retten wollen

Wow! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die BILD-Zeitung berichtet vom Wiedertreffen des Ex-Bundespräsidenten mit seiner Ex-Frau. Ort des Zusammentreffens: ein Bruce Springsteen Konzert. Schon fühlt sich ausgerechnet Cem Özdemir auf seiner Facebook Seite dazu aufgerufen, die Ehre des Rock'n'Roll zu retten. Den Wulffens und Guttenbergs (ein bekennender AC/DC Fan) ruft er zu: Lasst den Rock'n'Roll in Ruhe. Ich gebe zu, Özdemir ist einer der wenigen Spitzenpolitiker, die mir – zumindest menschlich – einigermaßen sympathisch sind. Rhetorisch vielleicht nicht immer auf der Höhe, aber zumindest nimmt man ihm das, was er sagt, einigermaßen ab. Meistens. Als Politiker mit muslimischen Migrationshintergrund ist er außerdem das Paradebeispiel für gelungene Integration und Beweis dafür, dass man auch als Türkischstämmiger in der X-ten Generation willens und dazu in der Lage sein kann, die deutsche Sprache zu erlernen. Özdemir gibt sich nett. Er ist gut gekleidet, hat Manieren. Der perfekte Schwiegersohn. Das Gegenteil eines Rock'n'Rollers. Überhaupt: die Grünen und Rock'n'Roll, das passt ungefähr so zusammen wie Bushido und Frauenrechte. Gut, man weiß, Claudia Roth war mal Managerin von Ton Steine Scherben. In dieser Zeit ging das Projekt Scherben pleite und die Band löste sich auf. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht.
Als wäre das nicht alles schon peinlich genug, kontert Daniel Fallenstein ausgerechnet auf der Achse des Guten und erklärt, Rock'n'Roll und explizit Punkrock sei doch eher die Domäne der Konservativen und zitiert dabei den verstorbenen Ramones Gitarristen Johnny Ramone. Er beweist damit nicht nur, dass er von Rock'n'Roll keine Ahnung hat, noch weniger scheint er sich in der Frühgeschichte des Punkrock auszukennen. Johnny Ramone war, mit Verlaub gesagt, nicht nur konservativ, er war ein Rassist. Er machte sich über Schwarze lustig, sympathisierte offensichtlich, zumindest zeitweise, mit dem Ku Klux Klan und war auch ansonsten ein ziemliches Arschloch. Zumindest diese letzte Eigenschaft war eine gute Voraussetzung, um ein Rock'n'Roll Star zu werden. Nur, darum ging es in der Frühphase des Punkrocks überhaupt nicht. Es ging noch nicht einmal um Musik. Es ging vor allen darum, anders zu sein, als der Mainstream, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und das am besten mit dem Kumpel, der im Abbruchhaus nebenan rumhängt und sonst nichts besseres zu tun hat, als Pattex zu schnüffeln. Johnny Ramone hatte das Glück, einen solchen Kumpel zu haben, nämlich den jüdischen, linksliberalen Schlagzeuger Joey Ramone, der später ans Mikrophon wechselte. Die Ramones waren keine politische Band (wie auch die meisten anderen frühen Bands. Man sang nicht über die Revolution, sondern vom Dreck, der einen umgab, von Hoffnungslosigkeit, von den Drogen, die einen in der Mangel hatten. Die politisch motivierten Bands kamen erst später wie etwa Crass, Dead Kennedys oder UK Subs), aber sie waren ein Politikum. In der Tat, sie veränderten die Musik nachhaltig, aber nicht aufgrund Johnny Ramones politischer Ansichten. Hätten diese Eingang in die Texte gefunden, hätten die Ramones das Jahr 1976 nicht überstanden. Glücklicherweise schrieb Dee Dee Ramone die meisten Songs, auch nachdem er schon gar nicht mehr dabei war. Und als jemand, der ständig am Rand des Todes stand, hatte der wenigstens Ahnung vom Leben. Nachdem Johnny Joey auch noch die Freundin ausgespannt hatte, statt seinem Kumpel dankbar zu sein, rächte dieser sich mit dem herrlichen Song: The KKK took my Baby away. So sagen es die Gerüchte. Tatsache ist jedoch, dass die beiden ab diesem Moment kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten. Ab diesem Moment waren die Ramones keine Band mehr, sondern ein Geschäftsunternehmen und der Geschäftsführer war Johnny. Davon hatte er Ahnung. Und gut, Gitarre spielen konnte er auch. Er hielt das Projekt Ramones finanziell am Laufen und die Ramones taten das, was man von ihnen verlangte. Sie lieferten routinierte onetwothreefour-songs ab. Mit Punk hatte das nichts mehr zu tun, aber ein Ramones Konzert zu besuchen und sich einen Tinnitus einzufangen, war allemal besser als auf der Straße rumzuhängen und nichts zu tun. Ehrlich gesagt konnte ein Ramones Konzert zum großartigsten Ereignis eines Lebens werden.
Was aber wäre aus Johnny Ramone ohne Punk geworden? Ohne seine Offenheit? Denn das war er in der Frühphase tatsächlich, denn jeder konnte mitmachen, ob man was konnte oder nicht, die Idee war das Ziel, nicht das fertige Produkt? Ohne einen Kumpel, der sagt: „Hey du bist zwar ein rechtes Arschloch, aber wir können trotzdem eine coole Band haben“? Vielleicht hätte er angefangen mit der Arian Brotherhood zu sympathisieren, hätte in einer drittklassigen südstaatenmäßigen Band Songs über die Vorzüge der Sklaverei geschrieben oder noch schlimmeres. Vielleicht. Auf jeden Fall hat nicht Johnny Ramones Konservatismus den Punk beeinflusst, sondern Punk Johnny Ramone. Er hat ihn davor bewahrt, ein noch größeres Arschloch zu werden und von allen gehasst statt, wie es gekommen ist, bewundert zu werden.
Sowohl Cem Özdemir als auch Daniel Fallenstein laufen ins Leere, wenn sie die Attitüde des Rock'n'Roll für sich beanspruchen. Johnny Rotten Lydon hätte für die beiden wohl nicht mal ein Stück Rotz übrig. Rock'n'Roll war, wenn er gut war, subversiv und vor allem gefährlich. Nichts, womit sich Spitzenpolitiker und Jungblogger die Finger schmutzig machen würden. Rock'n'Roll bedeutete immer auch Randale, Aufstand und Zerstörung der alten Werte. Rock'n'Roll endete in Zerwürfnissen mit der Vorgängergeneration, mit Straßenschlachten, Hausbesetzungen und sonstigen unartigen Handlungen, die ich hier lieber nicht beschreiben möchte. Aber lange ist es her. Sucht man in der heutigen Musik nach einem subversiven Moment, dann landet man höchstens bei sexistischen, homophoben Rappern oder grölenden Nazibands, und das braucht wirklich kein Mensch.
Rock'n'Roll hat schon lange nichts mehr mit Rebellion, Freiheit, Wildheit, Aufsässigkeit und nur noch am Rande mit Sex und Drogen etwas zu tun. Die, die in den Sechzigern nach einem Rolling Stones Konzert die Berliner Waldbühne auseinandergenommen haben (weil das Konzert zu kurz war) sind die selben Leute, die heute für 500 Euro für ein Stones Konzert bezahlen, im Stadion Street Fighting Man, Sympathy for the Devil und I can't get no Satisfaction mitgrölen, aber eine Krise kriegen, wenn der Rasen des Nachbarn nicht ordentlich getrimmt ist. Es sind die gleichen Leute, die Bürgerinitiativen gründen, wenn im Umkreis von fünf Kilometern ein Jugendzentrum eröffnet werden soll oder andere Läden, in denen sich Leute unter 30 treffen könnten, um Live-Bands zu hören, während sie selbst am Wochenende zur Oldie- oder Tributeband in den SchickieMickie Club rennen, um sich mal wieder so richtig wild und frei fühlen zu können, wenn drittklassige Bands The Who und Beatles covern. Statt wirklich wild und frei zu sein, vegetieren sie dahin in Selbstmitleid und terrorisieren ihre Mitmenschen, vor allem wenn diese jünger sind, als sie selbst, weil sie ihre Seele verkauft haben für ein Reihenhaus und ein spritfressendes Statussymbol vor dem Garagentor. Es sind die gleichen Leute, die nach dem Jugendamt schreien, wenn ein Kind gegen einen Straßenbaum pinkelt, weil es nicht mehr bis zu Hause aushalten kann, während die Gehsteige vollgeschissen sind von ihren Kötern, die sie sich halten, weil ihre eigenen Kinder ausgezogen sind und sie sonst nicht wissen, wofür sie leben sollen. Und ihre Superhelden sind noch degenerierter, all die Daltreys, Pages, Jaggers, Westernhagens usw., von denen man nichts anderes lernen kann, als dass man mit den selben beschissenen, langweiligen, zwanzig Songs noch mehr Kohle verdienen kann. Die Guttenbergs, die Wulffs, die Özdemirs, die Fallensteins wollen AC/DC, Led Zeppelin, die Stones, The Woh, Bruce Springsteen? Sollen sie's doch haben. Den Dreck braucht keiner. Und Joschka Fischer, der letzte Rock'n'Roller? Da muss ich doch mal extrem laut auflachen. Vielleicht hat er ja tatsächlich noch die „Keine Macht für Niemand“ Platte von Ton Steine Scherben in seinem Plattenschrank, und vielleicht hört er sogar mal heimlich rein, um sich an alte Straßenkämpfertage zu erinnern, aber sie ist bestimmt so gut versteckt, dass sie keiner findet. Wenn es überhaupt noch sowas wie „letzte Rock'n'Roller“ gibt, dann sind das Typen wie Chris Hyde, die mit 73 Jahren lieber wochenlang Brennesselsuppe schlürfen, als sich auch nur um einen Millimeter zu verbiegen, wenn es gegen die eigene Überzeugung geht. In Wirklichkeit hat das, was man heute Rock'n'Roll nennt noch nicht einmal mehr etwas mit irgendeiner Art von Kreativität zu tun. Musik wird produziert, um von zahlungskräftigen Usern konsumiert zu werden. Eine beliebige Ware wie Unterhosen, Zahnbürsten oder Hundefutter. Da hör ich mir lieber die Band aus dem Nachbarproberaum an, die zwar kaum drei Akkorde beherrscht, aber deren Musik aus dem Herzen kommt und nicht deshalb gespielt wird, um reich und berühmt zu werden.
In einem Gedicht von mir aus dem Band Land der Seelenfresser aus dem Jahr 2000, das zufälligerweise den Titel Rock'n'Roll hat, heißt es: „Rock'n'Roll ist schmutzig wie eine verschissene Unterhose“. Mit solchen Utensilien hantieren wohl weder Herr Fallenstein noch Herr Özdemir. Aber keine Sorge, das gibt es nicht mehr. Heute ist Rock'n'Roll nicht mehr schmutzig. Ja, er ist noch nicht mal mehr laut, dank gewisser Gesetze gewisser Politiker. Und stinken tut man auch nicht mehr nach dem Besuch eines Rock'n'Roll Konzertes. Darf ja nicht mehr geraucht werden. Danke, ihr habt uns vom Übel Rock'n'Roll befreit.

Sonntag, 26. Mai 2013

Autoren stellen sich vor

Wenn ich sowas lese
Bekomme ich gleich
Ne Krise
So steht es auf ungezählten
Schlecht gedruckten
Anthologien als Untertitel
Zu lesen sind Gedichte
Die zwischen
Sonntagnachmittagsstreuselkuchen
Und Abendbrot
In geschwungenen Buchstaben
Mit rotem Füller
In linierte Hefte geschrieben wurden
Belanglose Namen stehen
Unter Fotos mit belanglosen
Gesichtern die so
Austauschbar sind wie
Tütensuppen im Supermarktregal
Dieselben Gesichter die man
An den Ständen gewisser
Verlage sehen kann
Die sich als Dienstleister sehen
Nur dass sie keine Dienstleistung
Erbringen obwohl sie
Bezahlt werden
Da stehen sie rum mit
Namensschildern ausgerüstet
Ein Glas irgendwas in der Hand
Sie stecken in grauen Anzügen
Oder cremefarbenen Kostümen
Als befänden sie sich auf
Einer Beerdigung ein paar
Letzte Worte ein Toast
Auf den Verstorbenen
Und genau so ist es auch
Beerdigt werden ihre Bücher
Wenige Tage später wenn
Die Messeleitung die
Reinigungskräfte in das
Gewirr der Gänge schickt
Die die vom Verlag achtlos
Liegengelassenen Machwerke
Zu Hunderten dorthin verfrachten
Wo sie hingehören
Ins Altpapier

Wenn sich irgendwo
Autoren vorstellen
Mach ich einen großen Bogen
Dann schon lieber
Fernsehen
Da kann man wenigstens noch
Was lernen
Nämlich
Dass Dummheit
Niemals ausstirbt

Sonntag, 12. Mai 2013

Die Russen kommen



Geh doch nach drüben
War ein Satz den
Ich all zu oft zu hören
Bekam als ich noch
Ein Teenager war
Meine Haare mit Henna
Färbte und in meinem Kopf
Theorien von einer
Gerechteren Welt entwickelte

Mit drüben meinten sie
Jenes dunkle Land hinter
Dem Zaun von dem man
Nichts wusste außer dass
Man seinen Namen in
Anführungsstrichen schreiben
Musste und dass dort keine
Menschen wohnten sondern Monster

Dieses Land gehörte zum
Reich des Bösen das von
Einem großen Bruder mit
Pelzkappe beherrscht wurde
Den man allgemein nur Iwan
Nannte obwohl er doch
Ganz anders hieß

Genau dort wünschte man so
Welche wie mich hin wenn
Wir wütend waren und nach
Dem Strand unter dem
Pflaster suchten die
Die Europa von Stalingrad
Bis Coventry in Schutt und
Asche gelegt hatten waren
Erzürnt über zwei zerbrochene
Fensterscheiben und eine
Farbschmiererei an einer
Grauen Betonwand

Denn sie hatten Angst
Sie hatten Angst dass er
Kommen würde
Der Iwan
Dass er sich rächen würde
Und mit ihm kämen
Dunkelheit und Zerfall
Und das Ende ihrer
Gartenzwergkultur

Und er kam
An einem Tag im Mai
Landete sein Flugzeug
Vor den Toren der Hauptstadt
Und ein roter Teppich
Wurde ausgerollt und
Eine Militärkapelle spielte
Eine traurige Hymne

Der Iwan war
Da

(Die Russen kommen, Songtitel von Neues Deutschland aus dem Album BRD DDR von 1981)

Sonntag, 28. April 2013

Graupelschauer aus den Achtzigern



Viele meiner Altersgenossen denken
Gerne zurück an die Achtziger
Als sie jung frisch und frei
Zu NDW- und Synthiepopklängen
Wilde Parties feierten und
Dachten die ganze Welt
Gehöre nur ihnen

Aber
In Wirklichkeit waren die
Achtziger eine einzige Katastrophe
Denn neben Da Da Da und
Schulterpolstern gab es auch
Ronald Reagon Leonid Breschnew
Margaret Thatcher Helmut Kohl
Und das waren noch
Die Harmlosesten

Die Achtziger
Das war
Die ständige Angst vor dem
Einen Atomblitz der
Die Welt in einem
Sekundenbruchteil
Pulverisieren würde

Das war der ständige Kampf
Mit dem Kreiswehrersatzamt
Das einem partout nicht glauben
Wollte dass man sein Leben
Nicht auf einem Schlachtfeld
Verlieren wollte und das nicht
Zögerte einem die Feldjäger
Auf den Hals zu jagen
Eine ganze Armee von
Drückebergern suchte die
Antwort auf die eine Frage
Was tun wenn man nachts im
Park auf einen Irren traf
Der nach dem Blut deiner
Freundin lechzte

Das waren Hausdurchsuchungen
Weil man einen kannte der
Einen kannte der einen kannte der
In einer Kneipe einen Bekennerbrief
Der RAF in der Radikal gelesen hatte

Die Achtziger
Waren rumlungern
Kippen sammeln und
Bier schnorren weil es
Selbst für solche mit Abitur
Keine Jobs gab noch
Nicht einmal als Straßenkehrer

Die Achtziger
Das waren Blut Schweiß und
Tränen die vergossen wurden
Wenn man nachts
Um sein Leben schrieb
Und Papierfetzen die
Man morgens im
Mülleimer entsorgte

Wenn ich an die Achtziger denke
Sehe ich graue Wolken
Graupelschauer schmutzigen
Asphalt und tote Bäume
Keine Sonne
Alles was strahlte war
Die Plutoniumfabrik am
Rande unserer Stadt

Die Achtziger
Das hieß durchhalten und warten
Und hoffen dass man
Überlebte
Was mir dabei half waren
Ein paar schlecht gedruckte Bücher
Und ein paar dutzend Songs
Von Razzia vielleicht
Die sich direkt ins Herz bohrten
Ohne einen Umweg über die
Ohren zu nehmen

Viele meiner Altersgenossen denken
Gerne zurück an ihre Zeit
Als sie jung frisch und frei
Waren sie hatten Extrabreit und
Kajagoogoo und tolle Frisuren
Jetzt haben sie einen Sklavenjob
Der ihnen das Leben zur Hölle macht
Und Geheimratsecken für die
Sie sich schämen

Ich schaue lieber nach vorne etwas
Älter nicht mehr ganz so frisch
Aber immer noch frei und
Die Songs in meinem Herzen
Nehme ich einfach mit in
Diese neue Zukunft auch
Wenn die Platten schon
Knistern und auch wenn es
Immer noch Verrückte gibt die
Die Welt in Flammen setzen wollen
Stelle ich fest das
Leben ist nicht schlecht auch
Wenn man als Haus nur eine Hütte ist


(Als Haus wärst du ne Hütte, Songtitel der Hamburger Punk Band Razzia aus dem Album Ausflug mit Franziska aus dem Jahr 1986)

Freitag, 19. April 2013

ABC Alarm


Heute Morgen sangen die
Sirenen
ABC Alarm
Wie damals in den
Achtzigern als man uns
In der Schule in feuchte
Keller verfrachtete als
Könne man so einen
Atomkrieg überleben
Und heimlich fragte ich mich wie
Weit die Raketen des
Verrückten Diktators am
Anderen Ende der Welt
Wohl reichen mögen

Später in der Stadt war alles
Normal nichts hatte sich
Geändert die Sklaven
Marschierten wie gewohnt durch
Die Tempel und zollten
Ihren Göttern Tribut

Gut
Die Welt ging heute nicht
Unter also gönne ich mir
Eine Verschnaufpause und
Genieße die Tage die
Man mir geschenkt hat

Samstag, 6. April 2013

Auf einem Papierschiff im Atlantik



Mit triefender Nase und
Stechenden Schmerzen hinter
Den Augen
Stelle ich fest
Auch ich bin vor Krankheit
Nicht gefeit
Der Fernseher blubbert vor sich hin
Und flackerndes Licht durchflutet
Den Raum und all das
Während eine ganze Armada
An Bakterien und Viren versucht
Kontrolle über meinen Körper
Zu erlangen

Immunsystem
Wo bist du
Warum lässt du mich im Stich
Habe ich dich nicht immer
Mit allem gefüttert wonach
Du verlangtest
Nikotin
Alkohol
Schlecht belüftete Räume
Ach
Und jetzt komm mir bloß nicht
Mit Vitaminen
Weiß doch jeder
Dass Salat auch nur eine
Mit Pestiziden verseuchte
Pampe ist

Was ist nur los mit mir
Noch nicht mal Zigaretten
Schmecken noch und ein
Gedicht zu schreiben fällt
So schwer als müsste ich den
Atlantik mit einem Papierschiff überqueren
Das mein Sohn aus einer alten
Rechnung gefaltet hat

Und draußen schneit es
Immer noch
Und ein paar Idioten testen
Ihre Sommerreifen auf dem eisigen
Asphalt
Bremsen quietschen
Benzin wird verbrannt
Wärme

Ein bisschen Wärme wäre nicht schlecht
Sonne und nicht nur
Diese trockene Heizungsluft
Will mich wieder
Nur mit meiner Unterhose
Auf das Sofa pflanzen
Und nicht mehr unter dicken Decken
Mit einem Thermometer im Arsch
Das mir anzeigt dass
Ich kurz vor dem Delirium stehe

Und jetzt scheppert es
Draußen einer der
Idioten hat sich um
Den Laternenpfahl gewickelt
Und das zeigt mir
Eigentlich habe ich es
Ganz gut erwischt
Es könnte schlimmer
Kommen

Sonntag, 2. Dezember 2012

Der Tag, an dem es nicht ein Uhr wurde



Es war gerade erst halb zehn, und Paul und ich standen uns die Beine in den Bauch. Keine Gäste weit und breit - im Schwarzen Adler soviel Leben wie auf einem Dorffriedhof nachts um halb drei. Dort wenigstens gab es die ein oder andere Eule, die für Aufregung sorgte, und ein paar Katzen auf Mäusejagd. Und ich wusste, an diesem Zustand würde sich heute Abend nichts mehr ändern. Die halbe Stadt traf sich zur Eröffnungsfeier des Audiothrons, einer neuen Diskothek am Stadtrand, die in Zukunft unsere kulturlose Metropole mit solch spektakulären Veranstaltungen wie Schaumpartys, Ibiza-Dance-Nights oder Tanga-Grooves (wer im Stringtanga und mit Sepplmütze kommt, erhält freien Eintritt und ein Getränk nach Wahl) beglücken würde. Im Schlachthof spielte ein gerade angesagtes Comedyduo, im Jazzkeller war heute Heavy Metal Night, und außerdem war da noch dies und auch noch das. Diese Stadt war einfach zu klein für soviel Kultur. Mit Augenschein auf die Lohnkosten erklärte ich Paul, dass ich ihn den Rest des Abends nicht mehr brauchen würde.
„Prima“, sagte der, zog seine Jacke an und war verschwunden, kaum dass ich ausgeredet hatte. Es passte ihm gut in den Kram, denn erstens war Arbeit sowieso nicht sein Ding und zweitens gab es da noch das Pater Noster, wo heute irgendeine Tekknoperformance mit Livepainting stattfinden sollte. Nicht etwa, dass ihn die Performance oder gar die Malerei interessiert hätte, aber im Pater Noster saßen immer eine Menge angetörnter, rothaariger Girlies herum, und das war Grund genug.
Dass es kein guter Tag werden würde, hatte ich schon im Gefühl, als ich am Nachmittag den Schwarzen Adler aufschloss. Erst verabschiedete sich die Kohlensäure und dann der Grill in der Küche. Was die Kohlensäure betraf, so konnte dieser Umstand noch behoben werden, auch wenn ich es hasste, die Flaschen zu wechseln. Für so etwas hatte ich einfach keine glückliche Hand, und ich stellte mir jedes Mal dabei vor, wie beim nächsten Öffnen des Zapfhahnes der Schwarze Adler mit gewaltigem Blitz und Donnerschlag in die Luft fliegen würde. Und mit ihm ich. Mit dem Grill war es da schon anders. Der musste zur Firma Gack gebracht werden, damit die ihn wieder flott machte. Das geschah etwa alle zwei Monate. Wenigstens in diesem Punkt hielten wir die Wirtschaft am Laufen. Der Nachteil war, dass wir nun alle Aufläufe, Fladenbrote und was sonst noch alles überbacken wurde, im Backofen zubereiten mussten. Und weiß der Teufel warum, aber das Teil stank derartig nach Rauch und Ruß, dass wir schon des öfteren Gäste davon abhalten mussten, die Feuerwehr zu rufen.
Nun, im Augenblick waren keine Gäste da, aber das änderte sich schlagartig. Ich hatte gerade eine CD von Iggy Pop eingelegt und während der von der Lust zu leben berichtete, öffnete sich die Tür und ein Trupp dick eingemümmelter Zeitgenossen betrat den Schwarzen Adler. Noch konnte ich aufgrund der Vielzahl an Schals, Wollmützen und Parkas nicht erkennen, wer diese Menschen waren. Aber mit jedem Kleidungsstück, das sie ablegten, offenbarte sich mir mehr und mehr die grausame Wahrheit. Es waren die hiesigen Grünen Stadtverordneten. Klar, fiel mir ein, es war Wahlkampf, und am Mittag sollte Joschka Fischer auf unserem Marktplatz eine erbauliche Rede halten. Und da das La Cucaracha, jenes Nobellokal, dass unsere Lokalpolitiker sonst vorzogen, Montags Ruhetag hatte, waren sie nun dazu gezwungen, mit unserer Kaschemme vorlieb zu nehmen, und außerdem musste man sich schließlich auch einmal der Basis zeigen, vor allem in Zeiten wie diesen.
Immerhin, sie waren zu siebt und die augenblickliche Konjunktur zwang uns dazu, auf jeden Pfennig zu achten. Also packte ich Stift und Zettel ein, marschierte zum Tisch, setzte das Ihrseidmirdieliebstengästelächeln auf, nachdem mir ganz und gar nicht zumute war, da ich wusste, dass die Sache mit dem Grill wieder ein Vermögen kosten würde, und fragte so höflich, wie es nur ging, was es sein durfte. Sie schauten mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Vielleicht war es ja im La Cucaracha nicht üblich, etwas zu konsumieren, während man über die wichtigen Dinge des Lebens diskutierte, aber hier im Schwarzen Adler hatte man gefälligst etwas zu bestellen, grün hin oder her, schließlich waren wir keine Wärmestube, auch wenn es hier manchmal wie in einer solchen aussah. Nun, nach langem hin und her einigten sie sich parteikonform darauf, dass sie jeder einen Grünen Tee trinken wollten; allerdings nur deshalb, weil wir nun einmal keinen Getreidekaffee führten, dafür aber Getreideburger, und die wurden auch zweimal bestellt. Sei’s drum, dachte ich, solange sie bezahlen und sich benehmen, sind alle Gäste vor dem Wirt gleich.
Nur eines machte mir Sorgen. Von allen acht Tischen, die sich im vorderen Raum befanden, hatten sie sich ausgerechnet den ausgesucht, über dem eine der beiden Lautsprecherboxen hing - und Iggy Pop plärrte immer noch aus vollem Hals. Ich ahnte schreckliches. Und schon fuchtelte einer der Volksvertreter mit seinem Arm in der Luft herum, als wollte er eine ganze Armada an Mörderfliegen verscheuchen. Aber es war mitten im Winter, es gab keine Fliegen - noch nicht einmal bei uns, und so schloss ich daraus, dass diese seltsame Gymnastikübung bedeuten sollte, dass ich an den Tisch zu kommen hatte. Dabei hätte der Mann überhaupt nichts zu sagen brauchen, denn ich wusste, was er wollte, aber er sagte es trotzdem:
„Können Sie denn nicht diese schreckliche Katzenmusik ein wenig leiser machen? Haben Sie denn nicht etwas gefälligeres da?“
„Etwas gefälligeres?“ murmelte ich. „Mal sehen, was sich da machen lässt.“
Ich ging also nach hinten zur Anlagen und machte Iggy - er möge es mir verzeihen - den Garaus, noch ehe er seinen Pussy Walk zelebrieren konnte. Vielleicht war es auch besser so, bevor man mich noch hier an Ort und Stelle lynchte, weil ich es wagte, in aller Öffentlichkeit eine derart entartete Musik mit solch schrecklichen, an Obszönität nicht zu überbietenden Texten, laufen zu lassen.
Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, ob ich nicht jenes Tape mit den alten Straßenkämpferhymnen auflegen sollte. Solche Sachen wie Macht kaputt, was euch kaputt macht, oder Keine Macht für Niemand. Vielleicht würde sie das ja an frühere, glücklichere Kämpfertage in Gorleben, Brockdorf oder an der Startbahn West erinnern. Schließlich waren auch Grüne einmal jung, aber als ich noch einmal einen Blick auf die Truppe warf, bezweifelte ich, dass diese Revolutionäre jemals über das Hannes Wader und Wolf Biermann Stadium hinausgekommen waren.
Letztendlich entschied ich mich für das Unchained Album von Johnny Cash, wohl wissend, dass ich sie auch mit diesem Silberling ärgern würde. Es handelte sich dabei zwar um eines der besten Werke dieses Ausnahmemusikers, aber woher sollten diese vielbeschäftigten Herrschaften das wissen? Und für Leute, in deren Musikschrank man lediglich vier Kuschelrock Cds, eine The best of Phil Collins und noch - etwas versteckt - die Ibiza Dance Traxx Vol. 34 mit diesem süßen, knackigen, vollbusigen Mädel auf dem Cover, fand, musste sich Cash immer noch nach hinterwäldlerischstem Hillbilly anhören. Aber etwas gefälligeres hatte ich nicht da und außerdem bestimmte immer noch der Wirt, welche Musik gespielt wurde. Wo kämmen wir denn da hin? Etwas pikiert schauten sie schon drein, aber sie beschwerten sich nicht mehr. So widmete sich der Grünentisch wieder seiner Diskussion und ich mich dem Saubermachen der Ablaufrinnen im Tresenkühlschrank.
Plötzlich ein Schrei aus der Küche und dann ein Scheppern, dass selbst die letzte Küchenmaus Zuflucht in der Flucht suchte.
„Was ist denn nun schon wieder los“, fluchte ich und warf einen Blick durch die Küchentür. Was ich sah, war Belinda, die mit weit aufgerissenen Augen bewegungslos dastand, als sei sie zur Salzsäule erstarrt. In ihren Händen hielt sie einen dieser schwarzen Teller, die sofort in tausend Stücke zersprangen, wenn man sie nur ein wenig zu fest ansah. Etwa zehn davon lagen zu ihren Füßen. Ein Puzzle, an dem auch der geduldigste Tüftler verzweifeln würde.
„Macht nichts“, sagte ich. „Von dem üppigen Trinkgeld, dass wir von unseren Lieblingspolitikern bekommen werden, kaufen wir Neue.“ Dann wandte ich mich wieder meinen Ablaufrinnen zu, während Johnny Cash lautere Töne anschlug.
Und dann sah ich wieder diesen fuchtelnden Arm. So laut war Cash nun auch wieder nicht. Bei näherem Hinsehen jedoch entdeckte ich, dass der Winker Zeigefinger und Daumen aneinander rieb, so als würde er ausgerechnet an diesen beiden Fingern ganz entsetzlich frieren und sich durch diese Reibebewegung etwas Wärme verschaffen wollen. Ich packte also die Geldtasche ein und machte mich auf den Weg zu ihrem Tisch, denn ich wusste, dieses Zeichen konnte nur eines bedeuten: die Herrschaften wollten bezahlen.
„Zählen sie alles zusammen“, sagte der, der mit Iggy Pop nichts anfangen konnte. „Also“, rechnete ich. „Sieben mal Tee macht 21. Und zwei Getreideburger sind 14. Macht zusammen genau 35 Mark.“
„Ja so was blödes“, sagte der grüne Stadtverordnete. „Das ist nun wirklich eine ungünstige Summe. Außerdem habe ich’s gerade passend. So ein Pech. Na, dafür gibt’s beim nächsten Mal ein Trinkgeld.“ Und legte den Betrag pfenniggenau auf den Tisch. Klar, dachte ich, beim nächsten Mal in vier Jahren, wenn wieder Wahlen sind.
„Wann endlich wird eigentlich die Getränkesteuer abgeschafft?“ fragte ich noch zum Abschied, wo ich schon einmal die Verantwortlichen hier hatte. Aber die waren schon so sehr damit beschäftigt, sich in ihre Schals und Mützen einzuwickeln, dass sie mich nicht mehr hörten.
Was soll’s, wenigstens war jetzt keiner mehr da, der sich über die Musik beschwerte. Ich konnte also wieder Iggy Pop einlegen, oder doch lieber die Standells? Schließlich entschied ich mich für Lyres, denn erstens hatte ich die schon lange nicht mehr gehört und zweitens war Rock‘n’Roll immer noch die bessere Alternative.
Die Ruhe war nicht von langer Dauer. Ausgerechnet Meierling kam jetzt rein, jener frustrierte Finanzbeamte und ewiger Nörgler, dem man die Bedeutung von Benimm und Anstand in dessen früher Jugend so fest eingetrichtert haben musste, dass sie unten wieder rausgefallen war. Mit schnellen Schritten marschierte er in den hinteren Raum, deponierte dort seine Umhängetasche unter dem Münzsprecher, um dann an den Barhockern vorbei wieder nach vorne zu kommen, wo er mehr zur Garderobe fiel als dass er ging. Dort hängte er seine Jacke auf, kramte dann eine Schachtel Roth Händle aus ihr hervor, mit der er schließlich an den Tresen kam und auf einem der Hocker Platz nahm. Jeden Tag das gleiche Ritual. Wenn er eines Tages erst seine Jacke aufhängen und dann die Tasche unter dem Telefon platzieren würde, so wäre dies ein sicheres Zeichen dafür, dass er nun endgültig in die weite Welt des Deliriums abgetaucht war. Aber noch funktionierte alles, und so ließ es nicht lange auf sich warten, bis er mit einem lauten „Los, her damit“ seine Bestellung aufgab. Ich wusste sehr wohl, dass „Los, her damit“ bedeutete, dass er einen Cognac und ein Pils - aber im Exportglas, weil Pils aus einem Pilsglas nicht schmeckt - haben wollte, aber heute hatte er mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich drehte mir eine Zigarette und kümmerte mich nicht weiter um ihn.
„Was ist jetzt? Auf, los, her damit!“
„Her damit, was?“ fuhr ich ihn an. „Her mit den kleinen Engländerinnen? Her mit fünf Millionen Euro in kleinen Scheinen? Her mit Koks, Haschisch, Heroin?“
„Magno, Pils, los, auf jetzt, schnell!“
Es hatte keinen Zweck, sich aufzuregen. Ich war vierunddreißig und entschieden zu jung für einen Herzinfarkt, wie ich fand, also schenkte ich ihm seinen Schnaps ein und zapfte das Pils an - im Exportglas, weil Pils im Pilsglas nicht schmeckt. Wenigstens gab er jetzt Ruhe. Er blätterte in der Tageszeitung, und ich bestellte mir bei Belinda ein Tagesgericht, schließlich hatte ich noch sieben Stunden vor mir und brauchte was im Magen.
Es gab Spaghetti. Montags gab es immer Spaghetti. Auch so ein Ritual. Ich hatte gerade die erste Gabel aufgerollt, als es plötzlich aus Meierling herausplatzte. „Was ‘n das für eine furchtbare Musik. Himmel Herrgott noch mal, das hält ja kein Mensch aus.“ Ein Vulkanausbruch musste bei weitem angenehmer sein als dieses Organ. Wie von einem Dutzend wildgewordener Furien gehetzt, sprang er plötzlich auf, rannte schnellen Schrittes quer hinter den Tresen nach hinten zur Anlage und wühlte in der Schachtel mit den Kassetten. Die meisten davon hatte er selbst aufgenommen für solche Augenblicke wie diesen. So kamen wir alle in den Genuss, noch obskurere Bands kennen zu lernen als die, deren Cds ich selbst mitbrachte. Heute allerdings entschied er sich - aus welchen Gründen auch immer - für R.E.M.. Ich entschied, nicht einzuschreiten. Schließlich war ich am Essen und wenigstens das wollte ich einigermaßen störungsfrei hinter mich bringen.
Weit gefehlt
Schon ging die Tür wieder auf.
Meierling drehte sich um, um zu sehen, wer da kam. Ich wusste es schon.
„Oh Gott“, plärrte er. „Die Bescheuerten kommen!“
Dieses Mal hatte er Recht. Die beiden, die sich nun an den Tresen setzten, kannte ich nur zu gut. Wenn Meierling in etwa die Höflichkeit einer Filzlaus besaß, so beschränkte sich der Benimm dieser Zeitgenossen auf den eines Killervirus’.
„Was ißt’n da“, fing der eine prompt an.
„Schmeckt’s“, fragte der andere.
„Mach ma’ zwei Bier, Chef.“ Das war der eine.
„Für mich’n Alt, Meister.“ Das der andere.
Wortlos ließ ich die Spaghetti Spaghetti sein und brachte den beiden, was sie wollten, bevor es noch Ärger gab.
„Sieben Minuten war’n das aber nich“, bemerkte der eine, während der andere sich das Alt eingoss.
„Wir sind eben bekannt für unsere prompte Bedienung“, sagte ich und widmete mich wieder meinem Essen.
„Ach, bevor du dich hinsetzt“, grinste jetzt Meierling, „mach’ ma’ noch’n Schnaps, los, auf jetzt!“
Auch recht, die Magno Flasche stand sowieso in Reichweite.
„Was’n das überhaupt für ‘ne Scheißmusik“, warf nun der eine ein.
„Läuft da überhaupt was? Also ich hör’ nix. Mach’ doch ma’ lauter“, warf der andere ein.
„Aber mach’ was anners. Des Gejaul’ hält ja kaan Mensch aus.“
„Haste nix anners da? Was rockisches. So’n rischtische Hardrock. Haste nix von Uria Hep da? Oder Blak Sawwatt. Kerle, kennste die noch?“ fragte der andere den einen.
„Der Ossie, Kerle, der hat’s gebracht.“
„Oder Niel Jang.“
„Genau, der Niel Jang, der is’ aach was. Kennste des: Kiep on rocking inse siewörld.“
„Oder Kooldes Eis.“
„Kerle, des war doch von Judas Briest.“
„Quatsch. Niel Jang.“
„Kerl, biste hohl, des war Judas Briest.“
„Foreigner war’s“, löste Meierling das Problem.
„Richtig“, sagte der andere. „Die warn’s. Jetz’ mach’ ma’ Forrenner.“
„Mach’ erst ma’ zwei Bier.“
„Was ißt’n da überhaupt?“
Der große Gott der Gastronomen und Schankwirte möge es mir verzeihen, aber in diesem Moment gab es für einen kurzen Bruchteil eine Sekunde eine Fehlschaltung zwischen meinen Synapsen. Ganz entgegen meiner Überzeugung, dass alle zahlenden Gäste vor dem Wirt gleich waren, entschied ich, dass manche von ihnen nicht ganz so gleich waren. Ich ging mit meinem Teller auf die beiden zu und entleerte dessen Inhalt genau über ihren Köpfen. „Ich esse Spaghetti“, sagte ich. „Und sie schmecken richtig lecker. Und jetzt raus hier.“
Im ersten Augenblick waren sie sprachlos, aber dann überschlugen sie sich geradezu in Drohungen.
„Kerl, des wirste mir büßen.“
„Dich zeig ich an.“
„Genau. Vor’n Kadi kommste.“
„Und die Kneip’ werd discht gemacht.“
„Und des Hemd zahlste auch.“
„Des schee Hemd.“
Und dann stürmten sie raus wie zwei begossene Pudel.
Das geschah vor knapp drei Stunden, und das einzige, das in der Zwischenzeit passierte, war, dass Paul kam, um mir beim Beine in den Bauch stehen Gesellschaft zu leisten und dann wieder zu gehen. Ich war mit Meierling allein und der inzwischen bei seinem achten Magno und siebten Pils angelangt, was seiner Ausdrucksweise deutlich anzumerken war.
„Ficken“, gröhlte er lauthals durch das Lokal, während Roky Erickson einem Zombie folgte. Gelangweilt schaute ich auf die Uhr. Dreiviertel zehn. Meine Güte, noch gut dreieinhalb Stunden und meine einzige Unterhaltung waren ein drogensüchtiger Außerirdischer und ein sternhagelblauer Finanzbeamter, dessen Seelenleben auch nicht gerade das war, was man als konstant bezeichnen konnte. Aber ich dachte an die großen Worte meines Kneipenwirtkollegen Bunkerwilli, die da lauteten: „Egal wie groß das Unglück auch sein mag, es wird jeden Abend ein Uhr.“ Ein Gesetz, das so alt wie die Kneipenkultur selbst war. Nur, manchmal dauerte es eben ein bisschen länger, bis es soweit war, und genau so ein Tag war heute.
„Zobibombizombibomsambum, meck, meck“, äffte Meierling den guten, alten Roky nach, und ich wusste, dass er heute Nacht selbst zum Zombie werden würde, wenn er sich nicht schleunigst ein Taxi bestellte.
Und dann ging die Tür auf.
Und selbst Romero hätte die Szene nicht furcherregender arrangieren können, als sie sich jetzt in der Realität, im wirklichen Leben sozusagen, abspielte.
Meierling, der einen Blick über die Schulter geworfen hatte, um zu sehen, wer da kam, klatschte seine flache Hand gegen die Stirn und stieß voller Entsetzen aus: „Auch das noch, der Rote Dieter. Mensch, schmeiß den Schwätzer raus, los, auf jetzt. Großer Gott, ham denn heute alle Irre Freigang?“
So etwas Ähnliches dachte ich auch. Zwei der Freigänger waren hier, und ich überlegte, ob es sein konnte, dass heute Freitag, der 13. war und nicht Montag, der 4., wie ich den ganzen Tag angenommen hatte. Das würde vielleicht einiges erklären. Schwarzer Freitag hin, blauer Montag her, der Rote Dieter kam der Theke immer näher, so dass ich den Schorf über seinem rechten Auge erkennen konnte, der so frisch war, wie das Pils, das ich mir soeben gezapft hatte, damit ich wenigstens etwas zu tun hatte. Ganz klar, der Rote Dieter hatte in der letzten Kneipe wieder um Schläge gebettelt - und war offensichtlich an den Falschen geraten.
Jetzt legte er die Rechte um Meierlings Schulter und nahm mit der Linken seine Brille ab, deren einer Bügel mit Tesafilm notdürftig repariert worden war.
„Ach Meierling“, sagte er. „Was sind wir heute wieder charmant. Komm, trink’n Schnaps auf mich.“
„Schnaps, Schnaps, meck, meck“, machte Meierling, und dann energischer: „Fick dich ins Knie Lutscher!“
„Komm“, damit meinte der Rote Dieter mich. „Mach’ dem Herrn Finanzbeamten ‘nen Magno und mir ‘nen Cuba Libre.“
Was sollte ich tun? Schließlich waren die Verrückten in der Übermacht, also tat ich, wie mir geheißen, und hoffte, dass die Worte des Bunkerwillis auch heute Gültigkeit behalten sollten. Dann würde ich mehr als nur drei Kreuze in den Kalender machen. Ich stellte den beiden ihre Schnäpse hin und außerdem fest, daß Roky Erickson ausgesungen hatte. Sehr gut, das gab mir die Gelegenheit nach hinten zur Anlage zu gehen und so etwas Abstand zwischen mir und den beiden zu gewinnen. Aber was sollte ich einlegen? Fuzztones? Cynics? Seeds? Nein, die besser nicht, denn ich wusste, daß Meierling Sky Saxon nicht ausstehen konnte und Provokationen waren in dieser Situation nicht gerade angebracht.
Ich hatte gerade Roky Erickson in seine Hülle gelegt, als es hinter mir schepperte. Dieses Mal kam es nicht aus der Küche, und den Glauben daran, dass Scherben Glück brachten, hatte ich schon lange verloren. Ich drehte mich um.
„Was ist denn nun schon wieder los?“ fragte ich, aber diese Frage war rein rethorisch. Natürlich hatte der Rote Dieter seinen Cuba Libre umgeworfen, und wie immer war das Glas genau in den Besteckkasten gefallen, wo es kurz aufschlug, um dann von den in Servietten gehüllten Messern und Gabeln wie auf einem Trampolin emporgeschleudert zu werden und einen Salto in der Luft machend sich schließlich den Gesetzen der Schwerkraft zu beugen. Nicht jedoch, ohne vorher auf der Kühlschrankkante aufzuschlagen und in vier Teile zu zerspringen. Ich hatte den Vorgang zwar nicht gesehen, aber so oder so ähnlich trug es sich immer zu, denn der Rote Dieter bestellte den Schnaps nicht, um ihn zu trinken, sondern um ihn zu verschütten.
„Muss das denn sein“, fragte ich, ohne auf Antwort zu warten, und sah mir die Schweinerei im Besteckkasten an. Soviel war sicher, davon war nichts mehr zu gebrauchen.
„Ich hab’s gleich gesagt: Schmeiß den Lutscher raus.“
„Auch, halt doch’s Maul.“
„Wichser!“
„Arschloch!“
Und schon ging die Tür wieder auf. Wenn das so weiter ging, würde die Bude doch noch voll werden. Voll mit Irren, Idioten und Psychopathen, und der, der jetzt hereinkam, war ihr Anführer, der Oberpsycho sozusagen. Wang Lee, oder das Gelbe Karzinom, wie er auch genannt wurde, weil er so überflüssig war wie ein solches und ebenso ärgerlich. Wie sehr wünschte ich mir in diesem Augenblick wieder meine Grünen Stadtverordneten zurück ins Lokal. Die meckerten wenigstens nur über die Musik und warfen Teebeutel in den Aschenbecher, damit man besonders viel Mühe hatte, diese wieder zu säubern. Alles nichts weltbewegendes, harmlos wie eine Eintagsfliege, alles nichts im Vergleich zu Wang Lee, der Gelben Gefahr, der jetzt seinen Glatzkopf in Richtung Theke bewegte.
Schweren Schrittes ging ich auf ihn zu, während die beiden anderen weiterhin Nettigkeiten austauschten, so als ginge sie das alles hier nichts an. Einer musste es ja tun, und da außer mir niemand da war, hatte ich nun die Arschlochkarte in der Hand. Vertrauensvoll legte ich meine Hand auf die ausgepolsterte Schulter seines roten Samtjacketts. „Komm schon, Lee“, sagte ich dabei mit sanfter Stimme. „Du weißt doch genau, dass du hier Lokalverbot hast.“ Aber er schaute mich nur durchdringend aus den beiden Schlitzen unterhalb seiner Stirn an. Dann packte er meinen Arm und riss ihn von seiner Schulter.
„Kerl, fass mich’ ja net an, sonst hol isch daham die Knarr’ und putz dir’s Hirn aus’m Kopp’.“
„Klar doch, aber jetzt gehst du erst mal brav nach Hause. Hier ist doch eh nix mehr los.“
Wang Lee beachtete mich überhaupt nicht, sondern ging schnurstracks auf die beiden Streithähne zu.
„Ditta, geb’ mer ma’ a Kipp.“
„Freilich, Lee.“ Und er bot ihm eine Marlboro an. „Willst’ was trinken? Komm’, mach’ ma’ drei Schnaps.“
„Du weißt genau, dass Lee hier Lokalverbot hat, und wenn du so weitermachst, hast du’s auch bald.“
„Jetzt, Kerl, stell dich net so an.“
„Eich“, mischte sich jetzt Wang Lee ein und erhob drohend seinen Zeigefinger. „Eich mach’ ich alle platt. A Atombomb’ schmeiß ich eich enei, dann fliecht alles in die Luft. Ihr werd’s noch an mich denke.“
„Jetzt reicht’s aber.“ Nun wurde ich lauter. „Raus jetzt. Am besten alle drei, damit endlich Ruhe ist.“
„Meck, meck“, machte Meierling.
„Schnaps her“, rief der Rote Dieter.
Belinda stand in der Küchentür und beobachtete die Szene.
„Schmeiß den Lutscher raus“, brüllte Meierling. „Meck, meck.“
„Schnaps!“
„Atombomb’. Glaub ja net, ich mach’s net. Und du“, dabei tippte er mir gegen die Brust, „du bist der erste, den’s erwischt. Gibt des a Feuerwerk, wenn die Atomgranat’ explodiert.“
„Meck, meck.“

Jetzt war Schluss. Endgültig. Heute wurde es nicht mehr ein Uhr. Soviel stand fest. Und während Wang Lee weiter von seinen Atomangriffen faselte, kam mir die rettende Idee, wie ich die drei loswerden konnte.
„Du kannst dann nach Hause gehen“, sagte ich zu Belinda. „Heute isst sowieso keiner mehr was.“
„Aber die Spülmaschine läuft noch.“
„Macht nichts. Um die kümmere ich mich.“
„Und was ist mit dem da?“ Damit meinte sie Wang Lee.
„Keine Angst. Mit dem werde ich schon fertig.“
„Wenn du meinst. Dann geh’ ich also.“
Ich wartete, bis Belinda ihre sieben Sachen gepackt hatte und gegangen war. Dann zog ich Pullover und Jacke an, schnappte meine Tasche und verschwand in den Keller, ohne auf die ‘Schnaps, Atombomb und Meck, meck’ Rufe vom Tresen zu achten. Sie schenkten mir genauso wenig Beachtung. Und das war gut so.
In der Werkzeugschublade fand ich, was ich suchte. Schnur. Acht Meter würden genügen, dachte ich und schnitt die entsprechende Länge ab. Der nächste Schritt war etwas komplizierter. Nur mit einer schwachen Taschenlampe als Beleuchtung kletterte ich auf dem riesigen Öltank herum, der in einem Kabäuschen neben dem Heizungskeller untergebracht war. Irgendwo musste doch eine Öffnung sein, schließlich musste das Öl ja irgendwie in den Tank. Endlich fand ich den Schraubdeckel, öffnete ihn und ließ die Schnur in das Innere hinab. Wie gut, dass wir letzte Woche erst eine Lieferung bekamen. Das Ding war so gut wie voll. Ich tränkte die Kordel im Öl und zog sie dann wieder heraus, so dass nur noch das eine Ende in der schmierigen Brühe hing. Das andere zog ich hinter mir her, während ich aus dem Kabäuschen herauskrabbelte, den Heizungskeller verließ und schließlich die Kellertür, die quasi als Notausgang fungierte, öffnete. „Meck, meck“, sagte ich, als ich mein Feuerzeug zückte und die Zündschnur ansteckte. Dann verließ ich den Schwarzen Adler.
Ich drehte mich nicht mehr um, obwohl es sicher ein gewaltiges Feuerwerk geben würde, wenn auch nicht so imposant wie eine Atomexplosion. Nur eines ärgerte mich, als ich hinter mir den großen Knall hörte. Ich hätte das Wechselgeld mitnehmen sollen. Ein wenig Startkapital würde ich sicher gebrauchen können, wenn ich meine 25 Jahre abgesessen hatte.