Dienstag, 7. August 2012

Chaostage


Damals, Mitte der Achtziger, gab es noch echte Punks. Solche, die kiloweise Seife und Eier verbrauchten, um ihre Irokesenschnitte zum Stehen zu bringen, denen aus den Nasenlöchern Eisenketten wuchsen wie Schlingpflanzen, die ihr Geld lieber in Haarfärbemittel investierten als in Aktienfonds und die auf ihren Lederjacken solch illustre Bandnamen wie Chaoz Z, Beton Combo oder Vorkriegsjugend gepinselt hatten. Sie lungerten tagsüber auf dem kleinen Mäuerchen neben dem Café Clown herum. Gleich dahinter befand sich die riesige Festungsanlage der Polizeidirektion, was zu mancherlei unerfreulichen Zusammenstößen führte. Im Café selbst ließen sie sich so gut wie nie blicken, denn erstens herrschte bei diesen Leute chronischer Geldmangel und zweitens war das Café ein beliebter Treffpunkt einiger Teddyboys, dem Fanclub der Rockin’ Barracudas, einer Band, die sich mit ihrem Elvis-Sound in der Stadt bereits einen Namen gemacht und eine selbst produzierte Single herausgebracht hatte. Und mit den Tollenträgern gab es auch ständig Reibereien. Damals war noch was los in der Stadt, als es noch echte Punks gab mit bunten Haaren und Iros spitz wie Dolche.
Einer von denen war ich. Gerade Zwanzig geworden schloss ich mich dieser Truppe an, weil ich erstens nichts Besseres zu tun hatte und es hier zweitens zumindest immer genügend Bier gab. Denn auch bei mir herrschte der Pleitegeier. Meine Hosentaschen waren so leer wie ein Flussbett in der Wüste. Und außerdem war Sommer … die zerrissenen und zerfetzten T-Shirts der weiblichen Punks führten zu so mancher Einsicht.
Ich hauste bei einem Typen namens Ratte, der seinen Namen nicht nur deshalb hatte, weil diese Nagetiere gerade groß in Mode waren, sondern weil er dank seiner riesigen Schneidezähne tatsächlich wie eine solche aussah. Er war der Mieter einer Ein-Zimmer-Baugesellschaftswohnung, die als Anlaufstelle für allerlei dubiose Zeitgenossen fungierte. Sah man von den Kakerlaken in der Küche ab, tummelten sich außer mir noch etwa sechs bis neun Mitbewohner in den 30 Quadratmetern – so ganz genau konnte man das nie sagen. Auf jeden Fall gab es da Sirene, 16 Jahre jung, blond wie Marilyn Monroe und mit Ratte liiert, was ihr den Vorteil bescherte, dass sie als einzige nicht auf dem Boden schlafen musste. Dann gab es Theo, ein drogensüchtiges Wrack, und dessen türkische Freundin, deren Namen wahrscheinlich nur ihre Freier kannten. Kobold hieß der glatzköpfige Veteran unter uns – er war immerhin schon über 25 – von dem man aber nie genau wusste, ob er zu uns gehörte oder ob er ein Spitzel der Faschos war. Lotte war sechzehn und dumm wie Stroh, aber das fiel niemand groß auf, denn wenn wir nicht gerade besoffen waren, waren wir zugekifft und in diesem Zustand war einem alles egal.
Ratte hatte einen schweren Job. Er arbeitete nachts! Zwei Mal in der Woche verließ er nach Mitternacht die Wohnung und kehrte erst im Morgengrauen mit einer Tüte voller Autoradios zurück. Die Radios tauschte er dann bei zwei ominösen Gestalten, denen ich im Dunkeln lieber nicht begegnen wollte, gegen reinstes Hasch. Das wurde im Backofen mit Kakao gestreckt, neu in Form gebracht und schließlich unter den Punks vorm Café Clown vertickt. Da wir das meiste aber immer selbst aufbrauchten, kam Ratte nie auf einen grünen Zweig.
Wenn Ratte nicht Nachts auf Tour war, bearbeitete er Sirene bis in die Morgenstunden. Das war eben sein Rhythmus. Während die anderen vor sich hinschnarchten, machte ich kein Auge zu. Wenigstens erfuhr ich auf diese Weise, wie Sirene zu ihrem Spitznamen gekommen war.
Eines Morgens kam Ratte polternd nach Hause. Er warf die Radios in die Ecke, stürmte ins Zimmer und rief lauthals: „Mensch, das is’ ja ’n Ding!“
Ich blinzelte und hörte, wie Theo in der Ecke brummte: „Scheiße Mann, wie spät isses denn überhaupt?“ Die aufgehende Sonne verriet, dass der Tag kaum angefangen hatte, dennoch griff Theo instinktiv in den Tabakbeutel, fischte einen fetten Brocken hervor und fing an ihn über einem Feuerzeug zu zerbröseln. „Zeit fürs Frühstück“, murmelte er, und ich war mir sicher, dass seine Augen immer noch fest verschlossen waren. Manchen gibt’s der Herr im Schlaf.
„Was ist denn passiert“, wollte ich jetzt wissen, während Theo die Wasserpfeife klar machte.
„Na, das is’ los“, erklärte Ratte und warf mir eine BILD-Zeitung vor die Nase. Sie war von gestern.
„Du hast doch nicht etwa …!“
„Quatsch, Mann“, unterbrach er mich. „Die lag in so ’nem scheiß Bonzenschlitten. Mensch, lies mal die erste Seite!“
In großen Lettern stand da: „Chaostage in Hannover. Polizei bereitet sich auf Punkeransturm am Wochenende vor“

Die Nachricht vom Punkertreffen breitete sich wie ein Lauffeuer in unserer Stadt aus. Schon am frühen Morgen waren die Chaostage das Thema an unserem Mäuerchen. Natürlich wollte jeder hin, sogar der glatzköpfige Kobold. Da wussten wir noch nicht, dass sich außer den Punks auch einige hundert Nazi-Skinheads angesagt hatten, sonst wäre dem ein oder anderem eine seltsame Idee gekommen.
„Wie wollen wir denn überhaupt dorthin kommen?“ fragte ich Ratte am Abend, während er sich für die Arbeit zurecht machte. „Für den Zug hab ich kein Geld und Schwarzfahren is’ nicht mein Ding.“
„Mach dir deshalb keine Gedanken“, beruhigte er mich. „Wir kommen schon hin.“
„Klar, wir können ja trampen. Zu zweit ist es auch nicht so gefährlich …“
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Ratte nicht im Geringsten vorhatte, den Daumen in den Wind zu strecken.
„Also, ich besorg den Wagen“, erklärte er, „und parke ihn drei Ecken weiter. Du siehst zu, dass du spätestens um fünf fertig bis. Es muss schnell gehen, aber spätestens auf der Autobahn kann uns kaum mehr was passieren.“
Und so wurde es gemacht.
Jetzt bin ich ein Autodieb, dachte ich, während ich ein Paar Ersatzsocken in meinen Schlafsack stopfte, hoffentlich wirkt sich das nicht auf meinen künftigen Lebenslauf aus. Mit zittrigen Knien schlüpfte ich in die alte Lederjacke. Und erst jetzt wurde mir bewusst, dass die gesamte Wohnung leer war. Alle ausgeflogen. Kein Mensch mehr da. Hatten sie einen Tip bekommen? Wussten sie davon, dass jeden Augenblick ein Sondereinsatzkommando die Tür eintreten würde, um die Schwerverbrecher Dingfest zu machen, die es wagten, unbescholtenen Bürgern ihr Liebstes wegzunehmen? Und dann hörte ich es, das knirschende Geräusch, das der Schlüssel im Schloss verursachte. Verdammt, die Jungs vom SEK waren auf Trab, hatten sich sogar einen Zweitschlüssel für die konspirative Wohnung besorgt. Die Tür ging auf, Schritte und dann diese Stimme: „Bist du fertig?“
Ratte kam ins Zimmer und musterte mich von oben bis unten.
„Du willst doch nicht etwa so mitkommen?“
„Wieso“, fragte ich. „Ich hab alles, was ich brauche.“
„Und die Handschuhe?“
Welche Handschuhe, fragte ich mich. Es war Sommer und 30 Grad waren angesagt.
„Mann, oder willst du etwa die ganze verdammte Karre mit deinen Fingerabdrücken verzieren?“
Daran hatte ich nicht gedacht. Schließlich war ich jetzt ein Krimineller und was ein echter Gangster ist, der brauchte natürlich Handschuhe. Das Problem war nur, dass ich keine besaß und Ratte hatte auch nur ein Paar und das brauchte er selbst.
„Dann nimm eben die“, sagte er und drückte mir zwei rosafarbene Gummihandschuhe in die Hand, die er unter der Spüle heraus gekramt hatte.
Also zog ich mir die Handschuhe über und versteckte meine Fäuste tief in den Taschen meiner Lederjacke. Vielleicht hatte ich Glück und niemand würde mich in der Dunkelheit in diesem Aufzug sehen.
Ratte hatte einen uralten Kadett organisiert. Der Wagen war ein Oldtimer und fiel schon vom Anschauen auseinander. Mir war es ein Rätsel, wie dieser Schrotthaufen uns bis Hannover bringen sollte. Aber Ratte sagte nur: „Etwas besseres als Opel gibt es nicht!“ und schloss die Karre kurz.
Zwei Minuten später passierte es. „Scheiße, die Bullen“, murmelte Ratte und ging vom Gas. Gut hundert Meter vor uns parkte auf dem rechten Seitenstreifen ein Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht. In diesem Moment erfuhr ich, was Adrenalin in einem Körper alles anstellen konnte. Der Wagen schien verlassen zu sein, aber man musste kein Hellseher sein, um zu wissen, dass die Besatzung nicht weit sein konnte. Denn gerade, als wir den Streifenwagen passieren wollten, stürmten zwei Uniformierte aus einem Hauseingang, rannten auf die Strasse und blieben mitten auf unserer Spur stehen. „Verdammte scheiße, was machen die Arschlöcher denn da?“ Ratte war außer sich und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die Bullen direkt vor uns starrten uns an und wussten in diesem Augenblick wohl selbst nicht, was hier passierte, während ich bereits die zermatschten Köpfe an der Windschutzscheibe kleben sah. Aber geistesgegenwärtig wie deutsche Polizisten nun mal sind, brachten sie sich in letzter Sekunde mit filmreifen Hechtsprüngen in Sicherheit.
Mit quietschenden Reifen bog Ratte in die nächste Seitenstrasse ein, während hinter uns die Sirenen aufheulten. „“Nur die Ruhe, die hängen wir ab“, sagte Ratte, aber ich hörte bereits den Spruch des Richters: „Schuldig, lebenslang, Zwangsarbeit im Steinbruch und danach Kopf ab!“ Wir hatten das Tempo wieder gedrosselt, bogen mal links dann wieder rechts ab. Erst wurde das bedrohliche Sirenengeheul deutlich lauter, aber dann entfernte es sich merklich wieder. Wir hatten es geschafft. Die Bullen irrten immer noch in der Stadt herum, während wir uns bereits auf dem Autobahnzubringer befanden.
Der Rest der Fahrt verlief ruhig, sieht man vom Pochen meines Herzens ab, dass man vermutlich noch in Südamerika hören konnte. Zumindest gab es keine weiteren Zwischenfälle mehr mit den Grünen. Wir hatten freie Fahrt, bis wir kurz vor Hannover die Autobahn verließen.
Doch dann plötzlich setzte der Motor aus.
„Mist, das Benzin ist alle“, erklärte Ratte.
„Aber die Tankuhr zeigt doch auf voll“, wunderte ich mich und warf einen Blick auf das Armaturenbrett. Der Zeiger stand wie bei unserer Abfahrt immer noch ganz rechts. Das waren die Macken alter Autos.
„Egal, den Rest fahren wir eben mit der Straßenbahn. Ist auch besser so. In der Stadt wimmelt es sicher nur so vor lauter Bullerei“, sagte Ratte und ließ den Wagen am Seitenstreifen ausrollen.
„Sieh zu, dass du nichts liegen lässt“, wurde ich ermahnt, aber außer meinem Schlafssack hatte ich sowieso nichts dabei und der hing bereits um meine Schulter.
Wir hatten Glück. Kaum eine halbe Stunde Fußweg später fanden wir eine Haltestelle. Während Ratte aus seiner Jackentasche eine Dose Hansapils hervorzauberte und diese mit einem zischenden Plopp öffnete, studierte ich den Tarifplan. Bis zum Bahnhof musste man zwei Zonen durchqueren, das machte laut Anzeige Drei Mark fuffzig. Also kramte ich in meinem Geldbeutel nach den entsprechenden Münzen.
„Was hast du denn vor?“ fragte Ratte, während ich gerade die erste Münze einwerfen wollte.
„Eine Fahrkarte ziehen, was denn sonst?“
„Mann, bist du denn von allen guten Geistern verlassen? In dieser Stadt herrscht seit heute Anarchie. Da braucht man keine Fahrkarte.
„Ach so“, sagte ich und hoffte, dass die Kontrolleure das auch wussten, denn für ein erhöhtes Beförderungsgeld hatte ich zu wenig Bares in der Tasche.
Der zentrale Treffpunkt war der Hauptbahnhof. Ein paar hundert Punks lungerten bereits auf dem Vorplatz herum, grölten, tranken Bier und Wein und baten Passanten um eine kleine Spende, während mindestens ebenso viele Polizisten darauf achteten, dass uns nichts geschah. Hier erhielten wir auch die Information, dass am Abend im JUZ Glocksee ein Punkrockfestival mit den Bands Schleimscheisser, Volxfront, Verdorbene Jugend und Arschkriecherfront stattfinden sollte. Dort gäbe es nach dem Konzert auch Schlafmöglichkeiten, um fit für den nächsten Tag zu sein, wenn es hieß, einen antirassistischen Spaziergang durch die Innenstadt zu unternehmen, der unter dem Motto Haut die Nazis platt wie Stullen und noch platter haut die Bullen stand. Zumindest was Versmaß und Reim betrifft zeigten die Veranstalter Phantasie und Kreativität.
Für diesen Nachmittag jedoch war zunächst fröhliches Bierdosenklauen angesagt. Reihenweise wurden die Geschäfte leer geplündert. Punks hatten nun mal viel Durst und wenig Kohle. Leider konnte ich an diesem Spaß nicht teilhaben. Das hatte man davon, wenn man von Haus aus ein anständiger Mensch war, also verschwand ich in der Bahnhofshalle, suchte nach einem Getränkeshop, der nicht von Punks belagert war, was schwierig genug war, und erstand auf ehrliche Weise einen Sechserpack Bier, der mich acht Mark neunundfuffzig kostete. Offensichtlich hatten sich die Ladenbesitzer auf den Touristenstrom eingestellt und flugs ihre Preise der geänderten Nachfrage angepasst. Vielleicht wollten sie aber auch nur die Verluste, die durch weniger anständige Punks wie mich entstanden waren, auf diese Weise wieder ausgleichen.
Nach diesem aufregenden Nachmittag verlief der Abend eher enttäuschend. Die Bands waren selten schlecht. Wahrscheinlich waren die Musiker immer noch der Überzeugung verfallen, Punkrock hieße in erster Linie, sein Instrument auf keinen Fall beherrschen zu dürfen. Aber wenigstens war das Bier viel billiger, wenn man davon absah, dass man pro Flasche drei Mark Pfand berappen musste. Wenn man sich den Boden des Konzertsaales ansah, wusste man auch warum. Also passte ich auf, dass mich niemand anrempelte und mir so nicht noch versehentlich die Bierflasche auf den Boden fiel. Den anderen Punks schien die mangelnde Qualität nichts auszumachen. Sie pogten wie wild und wälzten sich in den Scherben. Auf ein Loch mehr oder weniger in den Klamotten kam es schließlich auch nicht mehr an.
Endlich neigte sich das Konzert dem Ende zu. Die Bands packten ihre Instrumente ein und versammelten sich schließlich rings um die Theke, um den Abend standesgemäß ausklingen zu lassen, während die ersten Punks die freigewordene Bühne erklommen, um ihre Schlafsäcke auszubreiten. Ratte und ich genehmigten uns noch eine Flasche, bevor auch wir uns ein Plätzchen auf den Sperrholzbrettern sicherten.
Ich zog meine Schuhe aus und stellte sie sorgfältig neben den Schlafsack, bevor ich in den selben kroch, um mich der nächtlichen Ruhe hinzugeben, was bei dem Lärm, der immer noch veranstaltet wurde, gar nicht so einfach war. Überall rülpste und spuckte und schnarchte es. So in etwa stellte ich mir den großen Schlafsaal in einer New Yorker Suppenküche vor.
Es rülpste und spuckte und schnarchte immer noch, als ich wieder aufwachte. Guten Morgen, neuer Tag, dachte ich, aber sogleich stellte ich fest, dass der neue Tag nicht so gut werden würde. Irgendein Arschloch hatte meine Schuhe geklaut, während ich sanft schlummerte.
„He Ratte, wach auf“, rüttelte ich an seinem Schlafsack. Der öffnete die aufgequollenen Augen einen spaltbreit und murmelte: „Was’n los? Komm’ die Bullen schon?“
„Jemand hat mir die Schuhe geklaut.“
„Was?“
„So’n Arsch hat meine Treter gemopst. Dabei war’n die noch nagelneu.“
„Mann, kannste denn nich’ auf deinen Krempel aufpassen?“
„Früher war ich mal Hippie. Bei denen wäre das nicht passiert.“
„Scheiße, mit dir hat man nichts als Ärger. Pack deinen Kram zusammen. Wir fahr’n erst mal zum Bahnhof und sehen dann weiter.“

Der Weg von der Haltestelle zum Bahnhofsschließfach, in dem wir unsere Schlafsäcke verstauen wollten, war die reinste Tortur. Der gesamte Bahnhofsvorplatz war mit Scherben übersät und ich kam mir vor wie ein unfreiwilliger Fakir. Gab es denn hier keine Straßenfeger?
„Also hör zu, wir machen das folgendermaßen“, erklärte Ratte seinen Plan, bevor er mich in den Schuhladen an der Ecke schickte.
Ein wenig komisch kam ich mir schon vor, als ich in dem Geschäft auf dem Stuhl hockte und ein Paar Turnschuhe anprobierte, während eine mürrische Verkäuferin mich hämisch beobachtete. Aber dann betrat Ratte das Geschäft.
„Entschuldigen Sie“, sprach er die Verkäuferin an. „Können Sie mir vielleicht helfen?“ Widerwillig folgte sie ihm zu einem Regal mit Wanderstiefeln, das so verdeckt lag, dass man mich von dort nicht sehen konnte. Die Luft war rein. Eiligen Schrittes, aber auch nicht zu hastig, marschierte ich aus dem Laden, tauchte dann in den samstäglichen Menschenstrom unter und konnte es nicht fassen, dass ich in den vergangenen zwei Tagen mehr Straftaten begangen hatte als in den restlichen zwanzig Jahren meines Lebens. Langsam wurde ich zum Profi!
Wenig später traf Ratte am Treffpunkt ein. „He“, sagte er, „den Preiszettel solltest du aber noch abmachen“, und zeigte auf das Schild, das noch am Schnürsenkel hing.
Der antirassistische Spaziergang am Nachmittag entwickelte sich zu einem Katz und Maus Spiel zwischen uns, der ewig zornigen Bullerei und den knapp tausend Skinheads, die sich anscheinend mit den Ordnungshütern verbündet hatten. So waren wir auf der ständigen Flucht vor Gummiknüppeln und Baseballschlägern und als ich die ersten blutig geschlagenen Köpfe sah, fand ich das ganze gar nicht mehr so lustig. Hier hieß es nur noch Laufen, wenn man am Leben bleiben wollte. Schließlich verschanzten Ratte und ich uns in einem dunklen Hausflur, den ein mitfühlender Hausbewohner für uns geöffnet hatte. Keuchend hörte ich zu, wie mein Herz mit sich selbst um die Wette klopfte.
„Wenn das Anarchie ist“, murmelte ich, „dann bleibe ich lieber Demokrat.“
„Quatsch, Mann! Das ist der Kampf des Proletariats gegen die Unterdrücker der Massen. Noch ist das Kapital mit seinen Schergen an der Macht, aber wir werden kämpfen bis zum Sieg. Das Volk wird sich erheben wie Phönix aus der Asche und den Krieg gegen das Joch der Unterdrückung gewinnen!“
„Schön und gut“, sagte ich. „Nichts gegen die Revolution. Hab auch nichts gegen Biersaufen und schlechte Musik, aber für diesen Krieg bin ich nicht gemacht. Bin schließlich Kriegsdienstverweigerer.“ Und außerdem glaubte ich nicht, dass das Volk sich mit uns erheben würde, wenn es vorher von uns beklaut wurde, aber das sagte ich lieber nicht laut, schließlich wollte ich noch eine Weile bei Ratte nächtigen.
Wie ich es ahnte. Die Weltrevolution fand an diesem Wochenende nicht statt. Dafür hatten die Grünen das Glocksee verwüstet und die BILD Zeitung bekam fette Schlagzeilen. Bei Ratte bin ich dann auch ausgezogen. Ich konnte Sirenes nächtliches Geschrei einfach nicht mehr ertragen und außerdem hatte ich die böse Befürchtung, dass sich mein Hirn einer Metamorphose unterzog und sich allmählich in eine süß duftende Rauchwolke verwandelte. Ich packte also meinen Schlafsack und zog zu Whiskylinda, ohne zu wissen, dass ich vom Regen in die Traufe kam. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dienstag, 10. Juli 2012

Punktion


Frage: woran erkennt man, dass man alt wird, außer an der Tatsache, dass man immer hässlicher wird, obwohl man als Teenager schon scheiße ausgesehen hat? Antwort: der Körper wird immer unzuverlässiger und entwickelt Eigenheiten, die sich nicht mehr kontrollieren lassen. So schleppe ich jetzt seit mehr als vier Wochen ein Ei mit mir herum, das mir am Knie klebt wie Kaugummi auf dem grauen Asphalt vor der McDonalds Filiale. Meine erste Diagnose, ein besonders aggressives Stechtier hätte einen Schluck Blut zuviel aus meinem Knie gezapft, bestätigte sich nicht, denn man sah weder Einstichstellen noch Rötung, die Schwellung tat noch nicht mal weh, noch juckte sie, dafür wurde das Teil immer dicker. Eine Woche später kam ich mir vor, als würde ein Zwilling aus meinem Knie wachsen.
„Kein Zwilling“, sagte mein Schlagzeuger. „Irgendwann platzt das Ding auf und heraus krabbeln extraterrestrische Spinnen, deren Eier du dir während einer nächtlichen Alienentführung eingepflanzt worden sind.“
„Danke“, sagte ich.
Also ab zur Hausärztin.
Im Wartezimmer packe ich das Buch aus, das ich gerade lese. Nur noch knapp fünfzig Seiten bir zum Ende, das wird die Wartezeit wohl kaum überbrücken. Ich fange also an zu lesen, während es um mich herum krächzt und speuzt und schnoddert. Eigentlich, denke ich, bin ich ja gesund, mir tut nichts weh, trage nur eine komische Beule mit mir herum, aber wenn ich hier raus bin, kann ich mich bestimmt erst mal zwei Wochen ins Bett legen, bis ich all die Viren und Bakterien wieder loswerde, die hier ganz irdisch durch die Luft schwirren.
Ich habe Glück. Schon nach etwa anderthalb Stunden wird mein Name aufgerufen. Ich werde in ein Zimmer geführt. Die Arzthelferin bindet mir den linken Arm ab und fummelt mit einer Spritze herum.
„Entschuldigung“, sage ich. „Was passiert jetzt?“
„Blutentnahme.“
„Ich bin aber wegen meinem Knie da. Mein Blut ist ganz in Ordnung.“
„Ach? Aber schaden tut es auch nichts.“
Na toll, denke ich. Werden die Leute in den nächsten zwei Wochen wieder beim Anblick der lila angelaufenen Armbeuge denken, ich sei ein Junkie. Andererseits denken die das meistens sowieso, dabei kiffe ich noch nicht einmal. Also Augen zu und durch.
Eine halbe Stunde später sitze ich endlich meiner Ärztin gegenüber.
„Ach herrje“, sagt die. „Eine Schleimbeutelentzündung. Da werde ich Sie leider zum Chirurgen schicken müssen. Hören Sie: das knackt ja richtig.“
Ich höre nichts, aber wahrscheinlich ist mir das Wort Chirurg auf die Ohren geschlagen.
Am nächsten Nachmittag stehe ich mit meinem Überweisungszettel vor der Anmeldung des Chirurgen.
„Tja“, sagt die Empfangsdame. „Nachmittags macht der Herr Doktor nur Operationen.“
Ich schlucke.
„Wie lange haben Sie die Beschwerden schon?“
„Zwei Wochen.“
„Hm hm“, macht die Dame. „Ich werde Ihnen einen zeitnahen Termin geben.“
Aber bitte nicht erst nächstes Jahr, denke ich, aber mein Pessimismus ist unbegründet, denn schon eine Woche später hat der Herr Doktor Zeit für mich.
Anscheinend habe ich Glück mit Ärzten. Wieder warte ich nur knapp zwei Stunden, bis mein Name aufgerufen wird. Die junge Arzthelferin führt mich in ein Zimmer und fünf Minuten später betastet der Chirurg mein Knie als sei’s der Hintern von Dita von Teese. „Hm“, sagt er schließlich. „Da machen wir einen Ultraschall.“
Ich werde in ein neues Zimmer geführt. Der Chirurg legt mir einen gummiartigen Lappen aufs Knie, bevor er mit seinem Apparat in mein Innerstes schaut.
„Ah“, sagt er. „Hier kann man’s schön sehen: alles voller Saft.“
Ich sehe nichts, aber ich höre.
„Da machen wir eine Punktion.“
Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber eine knappe viertel Stunde liege ich in einem dritten Raum und plötzlich weiß ich es.
„Da ist ja auch noch Blut drin“, ruft der Chirurg entsetzt, zieht die Spritze aus meinem Knie und hält sie mir vor die Nase. „Schauen Sie mal.“
Mir wird schlecht und da nutzt es auch wenig, dass die Arzthelferin ein süßes Lächeln aufsetzt. Dass der Chirurg soeben zur nächsten Spritze greift, macht die Situation nicht besser.
„Hinknien ist verboten“, sagt er schließlich, während die Arzthelferin einen blauen Druckverband um mein geschundenes Knie wickelt. „Und kein Sport!“
„Keine Sorge“, sage ich. „Mit Sport habe ich nichts am Hut.
Mit einem neuen Termin zur Kontrolle für nächsten Montag in der Tasche humple ich schließlich Richtung Post. Immerhin, besonders schmerzhaft war die Prozedur nicht, nur der Verband hindert etwas beim Gehen.
Was wirkliche Schmerzen sind, erfahre ich erst zwei Stunden später, als ich auf dem Sofa liege und feststellen muss, dass jede neue Stellung nur zu noch mehr Unruhen in meinem Knie führt. Als würde ein Zahnarzt mit seinem Bohrer darin herumwerkeln, in der fälschlichen Annahme, er behandle einen faul gewordenen Backenzahn – ohne Spritze. Den Versuch, mich mit Lesen abzulenken, gebe ich schnell auf und schalte stattdessen den Fernseher an, den Nachrichtenkanal.
Die augenblickliche Debatte dreht sich um die leidliche Herdprämie und was damit noch zusammenhängt. Die neueste Idee ist, Hartz IV Empfänger als Betreuer in Kitas einzusetzen, um die Personalmisere im Erziehungsbereich wenigstens etwas zu lindern. Prima, denke ich mir. Dann bringe ich meinen Bub künftig nicht mehr in den Kindergarten sondern gleich zum Kiosk an der Ecke, wo er dann die wichtigen Antworten auf die Fragen des Lebens lernt. Z.B.: Wie pinkle ich ins Gebüsch, ohne die Hose aufzumachen? Wie öffne ich eine Bierflasche mit den Zähnen? Wie bestelle ich einen Flachmann, obwohl ich als Deutscher ohne Migrationshintergrund der deutschen Sprache nicht mächtig bin? So gewappnet brauche ich mir dann auch keine Sorgen mehr zu machen, wenn der Bub in zwei Jahren in die Schule kommt, wo er von alzheimergeplagten Altersheimpatienten, die eingestellt wurden, um den akuten Lehrermangel auszugleichen, eine Lektion in Geschichte erhält: „Damals, als Polen noch zu Deutschland …“
Drei Tage später lassen die Schmerzen nach und ich kann das Sofa verlassen, sehr zur Freude meiner Frau, der meine permanente schlechte Laune zusehends auf die Nerven fällt. Am fünften Tag fällt der Verband ab. Die Schwellung hat zwar deutlich abgenommen, aber ich befürchte, dass immer noch eine Spritze voll Schmand in meinem Knie ist.
Zugegeben, ich jammere auf niedrigem Niveau. Andere Leute haben mit Geschwüren ganz anderer Art zu kämpfen. Die meisten davon sitzen in deren Köpfen, aber da kann auch der beste Chirurg nicht mehr helfen.
„Ham hm“, macht der Chirurg am Montag geheimnisvoll. „Kommen Sie nächste Woche wieder.“ Ich bin genervt und außerdem vermisse ich die Arzthelferin, die heute ihren freien Tag zu haben scheint. Dann setzt der Chirurg ein hämisches Grinsen auf: „Wenn es wieder dicker wird, machen wir einen kleinen Schnitt und holen den ganzen Beutel raus.“ Dem Mann macht es offensichtlich Spaß in fremder Leute Fleisch zu wühlen.
Gerade ruft mich Heiner Vonleid an, von dem ich im letzten Jahr ein Buch herausgebracht habe.
„Hast du Kohle?“ krächzt er in die Muschel. „Ich kann den Strom nicht bezahlen.“
„Sorry, nee“, sage ich und das stimmt.
„Ach scheiße“, sagt er. „Was macht dein Knie?“
Ich klage mein Leid.
„Versuch’s mal mit Quarkwickel, das zieht die Entzündung raus“, sagt er und legt auf.
Jetzt sitze ich da, einen Löffel Quark auf meinem Knie, darüber ein altes Spucktuch vom Bub gewickelt. Viel besser wird es dadurch nicht, aber offensichtlich schadet es auch nicht. Aber ich frage mich, ob der plötzlich auftretende Gestank vom Quark kommt oder ob ich nun langsam anfange zu verfaulen.

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